Geschwister Birkenmeier: Kopf ab und dann neu aufsetzen

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Sibylle und Michael Birkenmeier filetieren bequeme Denkmuster mit analytischer Schärfe und jenseits von moralinsaurem Gedöns. (Bild: MIF)

«Wir wollen kein Theater hier», begrüssen die in Leuchtwesten gekleideten Geschwister Sibylle und Michael Birkenmeier das Publikum in der Kleinen Bühne. «Sobald Sie den Fingerabdruck abgegeben und die Desinfektion durchlaufen haben, hängen Sie Ihre Jacken am dafür vorgesehenen Ort auf und begeben sich geordnet zu Ihren Pritschen.» Das Publikum in den Rollentausch mit Flüchtlingen zu schicken, ist mehr als nur ein Gag. Die 100 Minuten des Programms «Freiheit, Gleichheit, Kopf ab» kehren so manches von unten nach oben. Bequeme Denkmuster filetieren die beiden mit analytischer Schärfe und jenseits von moralinsaurem Gedöns. Die Dinge beim Namen nennen, messerscharfe Wortspiele kreieren und diese mit künstlerischer Könnerschaft doppelbödig aufbrezeln: Das schafft Pointen, bei denen den Patienten das Lachen öfter im Halse stecken bleibt. Willkommen im literarischen Kabarett. Dieses Lachen befreit nicht nur, es nimmt einen auch in die Pflicht.

Attacken aus allen Rohren
Sibylle und Michael Birkenmeier machen deutlich: Die mit so viel Anpassungsfleiss heruntergelassenen Scheuklappen können die aktuellen sozialen Verwerfungen nicht verdecken. Unbehagen, du gehörst umzingelt und mit aufmüpfigen Witz traktiert. Flüchtlinge, so beweisen sie, sind jenen Menschen unheimlich, weil sie sich in ihnen wiedererkennen.

Sie sind vom selben «Mentschment» neoliberaler Prägung zu Ausbeutern verbogen wie jene ausgebeutet sind. Als Mitprofiteure der aufklaffenden Schere zwischen Arm und Reich sind sie dafür verantwortlich, dass Menschen vor Despotismus, Krieg und Verfolgung fliehen müssen. Zugleich staucht sie dieses «Mentschment» so sehr zusammen, dass sie in diesem System nur noch auf Asyl Mensch sein dürfen. Ihre Schlepper heissen nicht Abdulla oder Mustafa, sondern Politikaa, Lehraa und Wirtschaftaa. Ihre Gipfeltreffen finden am WEF in Davos statt. Was für eine Gelegenheit, die Polizei hat das Gelände schon umzingelt, die Handschellen müssten nur noch zuschnappen. Aber eben: Das System muss sich selbst am Laufen halten.

Sibylle Birkenmeier singt mit der Lust einer Drama-Queen, schiesst scharfe Wortsalven ins Publikum. Michael Birkenmeier haut munter in die Tasten, verleiht so manchem Wort mit dramatischen Kaskaden Dringlichkeit. Der hellwache Humor der beiden und ihr Sinn für Spannungsbögen und exaktes Timing zieht das Publikum in den Bann. Das ist keine Distanz. Wunderbar ist zum Beispiel die Nummer «Und Kerzenlicht», wo es richtig schwoft und lyrische Verspieltheit in der Form auf bittere Wahrheiten in der Aussage trifft. Auch Rollenspiele zelebrieren die beiden Kabarettisten mit Genuss. Bruder und Schwester bedienen sich frech an der Garderobe des Publikums, mimen in scharf beobachteten Charakterstudien den einen oder anderen Typus, der mit Angstlust Fremdenfeindlichkeit zelebriert oder aus einer Angstneurose heraus nervö- se Ticks entwickelt.

Für jede Patrone ein Patronat
Europa leidet an einer Blasenschwä- che, der Inkontinent hat Ängste zum Treibstoff der Konjunktur erhoben. Den Terror zugleich auszurüsten und zu bekämpfen, ist zum Geschäftsmodell geworden. Für jede Patrone, fordert Sibylle Birkenmeier, sollte es ab sofort ein Patronat geben. Europa würde verlumpen. Statt des IS gibt es den QS, statt den Islamischen Staat das Qualifat. So viel Qua-Qua die Kompet-Enten auch schnattern: das Selbstoptimierungsprogramm, das moderne Leistungsmenschen aus ihren Zwängen herauswindet, muss erst noch erfunden werden.

Sich neu «be-haupten»
Warum auch nicht gleich gestehen: Europa hat die Flüchtlingspolitik nicht mehr im Griff. «Lasst die Menschen kommen, lasst sie ziehen», singt Sibylle Birkenmeier zum Schluss dieses Abends. Die verdrängte Vergangenheit kommt jetzt eben als Zukunft entgegen. Die Strukturbereinigten haben längst den Kopf in den Sand gesteckt. Es wird Zeit, sich neu zu «be-haupten», sich einen neuen Kopf aufzusetzen und den Dingen ins Auge zu sehen. Erst wenn sie aufhören, selber Flüchtlinge zu sein und das, was sie als Menschen ausmacht, nicht mehr um Asyl betteln lassen, können sie etwas ausrichten. Der Applaus ist ob der vielen neuen Einsichten lang, die Zugabe bleibt aus. Bonusse sind schliesslich Prozac für gewissensmüde Banker. Jetzt ist er wachgerüttelt, der Geist. Es bleibt Hühnerhaut. Also schnell den Mantel von der Bühne geholt und auf ins alte – oder doch ein neues Leben?

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